LNVL  -  Lëtzebuerger Natur- a Vulleschutzliga asbl
Veröffentlicht in Regulus
(ISSN 1727-2122) 1989/3 S.86-87

Biologische Landwirtschaft in Luxemburg:

Aller Anfang ist bekanntlich schwer. Wo vorher nichts war, muß viel Organisationsarbeit geleistet werden, bis eine tragfähige Struktur steht. So auch mit dem Aufbau eines biologischen Landbausektors in Luxemburg. Daß dabei bei so manchem Verbraucher der Überblick inzwischen verlorengegangen ist, ist nur allzu verständlich. Da eine gesunde, effiziente und naturfreundliche Landwirtschaft von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des ganzen Ökosystems (einschließlich des Menschen) ist, wollen wir in diesem Beitrag versuchen, etwas Licht in eine verworrene Situation zu bringen. Änder Schanck, der sich bereits verschiedentlich zu diesem Thema im «regulus» geäußert hat, hilft uns dabei.

REGULUS: Wie sehen Sie die gegenwärtige Situation der Landwirtschaft bei uns?

ÄS: Die moderne Landwirtschaft wird immer mehr zum Sorgenkind der Europäer. Einerseits produziert sie zuviel, andererseits werden die durch sie hervorgerufenen Umweltschädigungen, wie Erosion und Wasserverseuchung durch Nitrate und Pflanzenschutzmittel, immer offensichtlicher. Dazu kostet sie den Steuerzahler eine Menge Geld, das paradoxerweise zum großen Teil zur Lagerung und Vernichtung der überschüssigen Produktion verwendet wird. Hervorgerufen wurde diese ganze Problematik durch die konsequente Industrialisierung der Landwirtschaft, ein Prozeß, der in Relation steht mit der Entvölkerung der ländlichen Dörfer, und der auch noch lange nicht abgeschlossen ist.
Seit Jahren wird verzweifelt versucht, die «Notbremse» zu ziehen. So waren das Einführen von Produktionsquoten und die Vorruhestandsregelung Maßnahmen, mit denen man versuchte, die Überproduktion in den Griff zu bekommen, dies in letzter Zeit unterstützt durch Flächenstillegungs- und Extensivierungsprogramme.
REGULUS: Und wie steht es mit dem biologischen Landbau?
ÄS: Es scheint so, als würde der Bio-Landbau in letzter Zeit doch etwas mehr zu Ehren kommen. In verschiedenen EG-Ländern, z.B. in Dänemark und in der BRD, werden die ökologischen Wirtschaftsweisen neuerdings über die Extensivierungsprogramme unterstützt. Auch hierzulande wurde der biologische Landbau während der Wahlen im Sommer auf die Fahne mancher Parteien gesetzt. Es bleibt zu hoffen, daß es zu konkreten Ergebnissen kommt.
REGULUS: Kann man von einer weltweiten Bio-Landbau-Organisation sprechen?
ÄS: Die biologische Landwirtschaftsbewegung war von vornherein eine Basisbewegung, ging sie doch von Bauern aus, die jahrzehntelang als Pioniere wirkten, in den 60er und 70er Jahren wurde ein breiteres Wirken nur möglich durch Zusammenschlüsse, was zu den verschiedensten Anbaugruppierungen und Organisationen führte. Die weltweite Zusammenarbeit dieser Organisationen wurde dann zu Beginn der 80er Jahre durch die Begründung der IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) ermöglicht, in der IFOAM werden neben der «Lobby-Arbeit» für den biologischen Landbau auf internationaler Ebene auch Rahmen-Richtlinien herausgegeben, die für alle angegliederten Anbauorganisationen und das sind mehr als 200 in 60 verschiedenen Ländern als Mindestrichtlinien gelten.
REGULUS: Und wie sieht es hierzulande aus?
ÄS: Wie in anderen Ländern kam es auch in Luxemburg in letzter Zeit zu Zusammenschlüssen der Anbauvereine, um auf nationaler Ebene die gemeinsamen Interessen schlagkräftig zu verteidigen in Luxemburg allerdings mit etwas Verspätung. Hier gibt es seit einem knappen Jahrzehnt die ersten Betriebe, die mit Erfolg diese ökologischen Wirtschaftsmethoden praktizieren. Zur Zeit haben wir hierzulande zwei solcher Anbauorganisationen: Die eine nennt sich «Veräin fir biologesch-dynamesch Landwirtschaft Lëtzebuerg asbl»; sie gruppiert die Landwirte und Gärtner, die sich der biologisch-dynamischen Anbaumethode zugewendet haben (momentan die stärkste Biolandwirtschaftsgruppierung bei uns); die andere heißt «Verenigung fir biologesche Landbau Lëtzebuerg asbl» und vereint diejenigen Landwirte und Gärtner, die nach einer anderen Bio-Landbaumethode arbeiten.

Aufbau des Bio-Landwirtschaftswesens in Luxemburg
1 Zusammenschluß auf internationaler Ebene
2 Zusammenschluß auf nationaler Ebene
3 Zusammenschluß je nach Anbaumethode
4 Wirtschaftlicher Zusammenschluß einiger (nicht aller) Bio-Bauern
5 Geschäft mit der selbstgewählten Aufgabe, in erster Linie Produkte der «BioG» zu verkaufen

REGULUS: Also auch im kleinen Luxemburg haben wir es bereits mit konkurrierenden Organisationen zu tun?

ÄS: Ein Konkurrenzkampf ist das bestimmt nicht! Nicht jeder hat genau dieselbe Vorstellung, wie das gemeinsame Ziel zu erreichen sei, doch das Ziel bleibt unumstritten. Jede Organisation hat eine eigenständige Anerkennungskommission, in der die jeweils angegliederten Betriebe auf Einhaltung der Richtlinien überprüft werden. Beide Organisationen haben sich jedoch auf einen einzigen Dachverband auf nationaler Ebene geeinigt, der «Verband fir biologcsch-ökologesch Landwirtschaft Letzebuerg». Ein solcher Dachverband ist eminent wichtig. In der BRD z.B. ist die Anerkennung eines Betriebes in einer zu der AGÖL (Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau) zählenden Anbauorganisation die Voraussetzung für die staatliche Unterstützung mit Extensivierungsgeldern.
Wichtig auf nationaler Ebene ist die unbedingte Selbstständigkeit dieser Anbauorganisationen gegenüber dem Staat einerseits und den Wirtschaftsmonopolen andererseits. Diese Selbstständigkeit, die nur durch die aktive Mitgliedschaft vieler interessierter und gut informierter Menschen (nicht nur Produzenten!) möglich ist, stellt die einzige Gewähr dar, daß die Richtlinien und das Anerkennungsverfahren nicht von anderen Interessen unterlaufen werden.
REGULUS: Hat sich gleichzeitig im Bereich Vermarktung etwas getan?
ÄS: Hier wäre in erster Linie neben den bereits bestehenden Bioläden die «BioG Bio-Bauere-Genossenschaft» zu erwähnen. Aufgabe der «BioG», in der nur Produzenten zusammengeschlossen sind, die in einem Anbauverein anerkannt wurden, ist die gemeinsame Verarbeitung, Verpackung und Vermarktung deren landwirtschaftlicher Produkte. Zur Zeit steht die Realisierung eines Milchverarbeitungsprojektes an, wobei in dezentralen Hofmolkereien von der Genossenschaft aus Käse und Milch sowie andere Produkte hergestellt werden.
Die «BioG» wird nach und nach den einzelnen Bioläden und Reformhäusern seine Produkte anbieten. Der Ab-Hof-Verkauf der Bauern bleibt weiterhin als Möglichkeit bestehen, doch in erster Linie wird die Genossenschaft eng mit der «Naturata» arbeiten.
REGULUS: «Naturata» - Was heißt das?
ÄS: Die «Naturata» ist ein Geschäft, das demnächst in der rue de Rollingergrund in der Stadt Luxemburg eröffnet wird. Die Lebensmittelabteilung wird in erster Linie biologische und insbesondere biologisch-dynamische Ware aus hiesiger Produktion und im speziellen der «BioG» anbieten. Sie wird desweiteren nicht in Luxemburg erhältliche Produkte aus dem Ausland einführen lassen, um das Sortiment zu vervollständigen. Sowohl die «BioG» wie auch die «Naturata» sind entstanden, weil einerseits nicht jeder Landwirt neben seiner Arbeit im Betrieb auch noch die Aufarbeitung, Veredlung und Vermarktung der Produkte selber in die Hand nehmen kann, und andererseits von seiten des Handels (Bioläden) nicht die Möglichkeit besteht, hier im Interesse der Produzenten zu wirken.
Die «Naturata» stellt ebenfalls den Versuch dar, verschiedene Initiativen unter einen Hut zu bringen. So werden neben dem Lebensmittelbereich auch ein Buchladen und ein Spielzeug- und Kunstartikelgeschäft unter autonomer Führung tätig sein. Der Bereich Kleidung, insbesondere Kinderkleidung aus ökologischer Herstellung, steht noch offen...
REGULUS: Da gibt es aber auch andere Initiativen außerhalb des reinen biologisch/ökologischen Landbaus?...
ÄS: Ja, da gibt es hierzulande, wie auch ähnlich im Ausland, die «Lëtzebuerger Baueren fir eng natiirlech Fleeschproduktion», die den Versuch unternehmen, mit einer artgerechteren (d.h. nicht industrialisierten) Tierhaltung zu arbeiten, und ihre Produkte unter einem speziellen Markenzeichen anbieten. Desweiteren hat der «Ökofonds» zusammen mit den «Jongbaueren an Jongwenzer» die Initiative «Ökologische Landwirtschaftsberatung» ins Leben gerufen.
Diese Initiativen sind absolut begrüßenswert, aber natürlich nur insofern als sie nicht als Alibi benutzt werden, um nicht weitergehende, aber doch noch notwendige Schritte unternehmen zu müssen. Jedenfalls unterscheiden sie sich dadurch von der biologisch/ökologischen Landwirtschaft, daß sie nur Teilaspekte eines ganzheitlichen Denkens und Vorgehens entnehmen und anwenden.
Die im «Verband fir biologesch-ökologisch Landwirtschaft Letzebuerg» zusammengeschlossenen Anbauvereine haben als gemeinsame Grundlage in ihren Richtlinien die Bedingung, daß der ganze Betrieb im Sinne eines Kreislaufs der Stoffe oder eines Hoforganismus umgestellt wird. Dies erfordert ein Umdenken auf ganzheitliche Zusammenhänge in der Natur bzw. zwischen der Natur und dem Menschen. Der totale Verzicht auf schnellösliche Mineraldünger und synthetische Pflanzenschutzmittel wird ermöglicht durch den Ausgleich von Tierhaltung und Pflanzenbau sowie durch eine gutdurchdachte Fruchtfolge und einen sorgfältigen Umgang mit dem Betriebsdünger.
REGULUS: Und dadurch erhält der Verbraucher einwandfreie, echte «Bio-Ware»?
ÄS: Für das Ausland und das Inland gilt, daß nur die Betriebe, die in einer Anbauorganisation deren Richtlinien nachkommen und auch dort überprüft werden, sich bzw. ihre Produkte als biologisch oder ökologisch oder gegebenenfalls biologisch-dynamisch bezeichnen können. Nur die Beachtung der Kennzeichnung eines Produktes mit einem «Label» einer solche Anbauorganisation gibt dem Verbraucher die Gewähr, daß er nicht einem Trittbrettfahrer oder einem Geschäftemacher auf den Leim geht.
Beim Aufbau eines lebensfähigen Bio-Landwirtschaftswesens in Luxemburg kommt es vor allem darauf an, eine Basis des Vertrauens zu schaffen zwischen Produzenten und Konsumenten. Bio-Bauern und Bio-Gärtner suchen den Kontakt mit ihren Kunden und nutzen jede Möglichkeit, um mit den Verbrauchern ins Gespräch zu kommen, so z.B. auf der kürzlich veranstalteten «Öko-Foire» auf Kirchberg. (Fotos: F. Siebenaler)

 
 
Die «Letzebuerger Natur- a Vulleschutzliga» stellt sich voll und ganz hinter die neuen Vermarktungsinitiativen der Luxemburger Bio-Bauern und möchte ihren Mitgliedern wärmstens empfehlen, wo immer möglich Waren zu kaufen, die mit einem der beiden hiesigen «Labels» versehen sind.
Wir tun dies nicht nur, um unseren Bio-Bauern in einem kritischen Stadium ihrer Entwicklung den Rücken zu stärken (so wichtig das auch ist), sondern auch im Interesse der Verbraucher. Es kommt nämlich in letzter Zeit immer deutlicher zum Vorschein, daß auch in Luxemburg gewisse Geschäftsleute nicht gerade zimperlich mit Begriffen wie «Bio-» oder «Natur-» umgehen.
Wir von der LNVL haben uns auf jeden Fall von der Seriosität und Gewissenhaftigkeit der beiden bestehenden Bio-Landwirtschaftsorganisationen überzeugen können.
Für weitere Auskünfte siehe bitte nächste Seite.


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